Elisabeth Büchle & Noa C. Walker

NEUES AUS DER SCHREIBSTUBE


An dieser Stelle gibt es für euch den TEXT-Adventskalender. 

Ihr dürft euch auf einige Einblicke zu LIV Neuanfang mit Hindernissen freuen -  und auf ein paar kleine Verlosungen.

Selbstverständlich gibt es auch wieder die WeihnachtsGeschenkGutscheinAktion. (Das lange Wort anklicken und ihr kommt zur Beschreibung für die Aktion)

Was bedeutet diese Gutschein-Aktion? 

Seit vielen Jahren verschenken treue Leserinnen an ihre Freunde (oder an sich selbst) meine Romane. Da das "neue" Buch aber erst im Frühjahr kommt, gibt es die Möglichkeit, einen Buch-Gutschein an Weihnachten zu verschenken. Das Buch kommt dann automatisch, sobald es erschienen ist, per Post zu der angegebenen Adresse. Und natürlich ist es dann auf den Namen der/des Beschenkten signiert!


Bestellungen bereits/noch lieferbarer Bücher nehme ich HIER entgegen.

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Heiligabend

Was die folgende Szene wohl mit Elvis Presley zu tun hat ...?

Tja, das erfahrt ihr dann im März, sobald LIV - Neuanfang mit Hindernissen erscheint.


Liv legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, obwohl sie das eine Menge Anstrengung kostete. Viel leichter wäre es, den sich anbahnenden Kuss zuzulassen. Und nicht nur leichter … „Ich hätte damit zu deinem Vater gehen sollen“, sagte Liv, unsicher darüber, ob sie ihr Vorhaben wirklich durchziehen konnte. Nicht, wenn Ben sich so verhielt. Er grinste sie schief an.

„Also nicht, um ihn zu …“ Liv errötete. Entschlossen wand sie sich aus seinen Händen, obwohl Ben ihre Taille nicht widerstandslos freigab. Als es ihr gelungen war, hastete sie hinter den Empfangstresen, um ein Bollwerk zwischen sich und dem Tierarzt zu errichten. Dem Tierarzt, für den ihr Herz schlug.

„Hör zu“, stieß sie aufgebracht hervor, denn Ben lachte schon wieder. „Die Zukunft von Vierbrücken hängt von den nächsten paar Stunden ab.“

„Ob rechtzeitig die Feuerwehr eintrifft, weil du –“

„Sei still!“ Etwas sanfter schob sie ein „Bitte“ hinterher.

„Es gibt ein gutes Mittel, um mich zum Schweigen zu bringen. Allerdings müsste ich dazu hinter deine Verteidigungsanlage kommen.“ Ben setzte sich in Bewegung.

„Und, geht es in Ordnung?“, kam es plötzlich aus dem Flur. Nun war es an Liv, aufzulachen. Bens Gesichtsausdruck, als Marianne hereingestürmt kam, war einfach herrlich.

„Dieser Tierarzt ist störrischer als jeder Esel!“, erwiderte Liv auf Mariannes Frage.

„Du hast Ben aber doch gesagt, worum es geht?“

„So weit bin ich noch nicht gekommen. Außerdem denke ich wirklich, dass wir ihn raushalten sollten.“

„Ihr duzt euch?“ Ben schaute perplex von Marianne zu Liv.

„Ach, lieber Ben“, Marianne ging auf den Mann zu, „wir Frauen wissen, wann wir zusammenhalten müssen. Und vielleicht geht es sogar in die Annalen von Vierbrücken ein, dass eine Frau zwar beinahe den Untergang unseres schönen Dorfes eingeläutet hätte – lass mich bitte ausreden, Liv –, als sie einst die Schusters entzweite, nun aber eine andere es zu retten versteht.“

Liv nickte gewichtig. Selten hatte das Wort „pathetisch“ besser gepasst als bei Mariannes kleiner Rede. Ihr Nicken wurde jedoch von einem Stirnrunzeln abgelöst, als ihr der Verdacht kam, dass Marianne gerade nicht von ihr, Liv, sondern von sich selbst gesprochen hatte. Entrüstet stemmte sie die Hände in die Taille – dorthin, wo sie noch immer Bens Berührungen zu spüren glaubte. Schließlich war es ihr Plan, der Vierbrücken retten sollte, nicht Mariannes.

„Was ist hier eigentlich los?“ Ben trat einige Schritte zurück. Ihm war es wohl nicht ganz geheuer, unmittelbar zwischen Liv und Marianne zu stehen. Marianne lächelte Liv an – offenbar war ihr gerade der gleiche Gedanke gekommen – und Liv erwiderte das Schmunzeln.

„Erzähl du bitte, Liv, warum wir von Ben wissen müssen, welche Symptome ein tollwütiges Tier aufweist. Und dass wir morgen seine Unterstützung brauchen. Ich sorge inzwischen dafür, dass einer der Tische weit genug abseitssteht.“

„Gut, aber du sagst Curt, welche zusätzliche Rolle wir uns für ihn ausgedacht haben.“

Marianne kicherte, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte Ben einen mehr als flüchtigen Kuss auf die Wange. Nachdem sie gegangen war, berichtete Liv von dem, was sie gehört hatte und was sie als Gegenmaßnahmen planten. Ben schwieg die ganze Zeit über. Er hatte wohl beschlossen, sein Binokel-Gesicht aufzusetzen. Deshalb konnte Liv einfach nicht ausmachen, was er von ihrem Plan hielt.

Nachdem sie geendet hatte und Ben weiterhin an ihr vorbei aus dem Fenster schaute, fragte sie sich ernsthaft, ob Mariannes Andeutung eines Wangenkusses eine Art Kurzschluss bei ihm ausgelöst hatte. Wie der Mercedes gab auch Ben keinen Mucks mehr von sich. Sie betrachtete den Mann eine Zeit lang, dann ging sie auf ihn zu, küsste ihn auf die andere Wange – weit weniger flüchtig, als Marianne das getan hatte – und sah zu, dass sie wegkam.


Ich wünsche euch friedliche Weihnachtstage und ein gesegnetes Jahr 2021


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23. Dezember

Folgendes Foto bekam ich heute von einer Leserin und Buchhändlerin gemailt. Offenbar liest sie fleißig den Text-Adventskalender und hat eigens für mich (und euch) dieses Bild aus ihrer WG-Küche abfotografiert. Ist es nicht wunderschön?

Der Text aus "Liv - Neuanfang mit Hindernissen" kommt heute allerdings ganz ohne Gans daher.



Wilhelm Neumann strich sich über den grauen Backenbart und fühlte sich so überfordert wie seit fünfundvierzig Jahren nicht mehr. Anno dazumal hatte er als frischgebackener Jurist das erste Mal einem ehrwürdigen Richter gegenübergestanden. Oder gut drei Monate später, als er im Schützengraben lag und auf französische Nachbarjungen schießen musste, die die Hosen genauso voll hatten wie er. Und dann wieder 1945, als alles zusammengebrochen war und niemand wusste, wie es weitergehen würde … Sein heutiges Problem betraf ihn nicht direkt. Das machte es jedoch nicht weniger … gravierend. Vielleicht war er mit beinahe siebzig Jahren inzwischen einfach zu alt für derlei.

Die Tür seiner Kanzlei ging auf und Peter trat ein. Wie immer war er äußerst sorgfältig gekleidet. Sein helles Haar war ordentlich zurückgekämmt, der Bart akkurat gestutzt, und in seinen Schuhen konnte man sich spiegeln. Er wirkte … elegant. Harmlos.

„Ich entschuldige mich für die Verspätung.“ Wilhelm winkte ab, setzte sich auf seinen durchgesessenen Stuhl und bedeutete Peter, dass er sich ihm gegenüber in einen der deutlich bequemeren Sessel setzen sollte. Der Anwalt wollte das Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Sie ist jetzt seit mehr als fünf Tagen spurlos verschwunden“, begann er und musste sich räuspern.

Peter nickte, faltete die Hände im Schoß und wartete schweigend ab. Wilhelm runzelte die Stirn. Liv Benediktsdóttir hätte sicher nicht einfach untertauchen können, wenn Peter in der Nähe gewesen wäre. „Du musst sie finden. Unbedingt. Dringend.“ Wilhelm räusperte sich erneut. Was diesen Fall anbelangte, verlor er sogar seine sonst so wohlgerühmte und – das hatte er in all seinen Berufsjahren nie zugegeben – mühsam antrainierte Eloquenz.

„Sie hat keinen einzigen Hinweis hinterlassen, wohin sie gegangen ist“, warf Peter ein.

Wilhelm schnaubte ungehalten und ungeduldig. Peter würde eines Tages von seinem Erbe profitieren. Bis dahin musste er sich aber dringend noch ein wenig eigenen Ruhm erarbeiten. Das war einer der Gründe, weshalb ihm diese Aufgabe übertragen worden war.

„Finde Fräulein Liv. So schnell wie möglich und ehe etwas Schlimmes geschieht. Frag am Bahnhof nach, bei Taxiunternehmen, Reiseveranstaltern und meinetwegen auch an den Flughäfen im näheren Umkreis. Irgendjemand muss sie doch gesehen haben! Sie hat Hamburg sicher nicht auf Schusters Rappen verlassen!“ Die Schweißperlen auf seiner Stirn bereiteten Wilhelm Sorge. Er sollte sich nicht so aufregen. Sein Herz war nicht mehr so robust, wie es das noch vor zehn Jahren gewesen war. „Du bist im Besitz eines aktuellen Lichtbildes von ihr?“

Peter nickte und klopfte mit der Hand auf eine seiner Jacketttaschen, wo vermutlich seine Geldbörse steckte.

„Dann immer voran, Junge. Ich wünsche dir viel Erfolg. Und beeile dich bitte! Wer weiß schon, was das Fräulein sich in den Kopf gesetzt hat.“

„Ich finde sie“, beteuerte Peter, erhob sich und verließ mit großen Schritten das Büro. Wilhelm hörte die Haustür im Erdgeschoss zufallen und lehnte sich zurück. Dabei wurde ihm bewusst, dass er sich nicht sicher war, ob er überhaupt wollte, dass man Liv fand. Denn eigentlich tat sie ihm ein wenig leid.

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Türchen 22 des Text-Adventskalenders


Marianne straffte die Schultern und erklärte: „Wie dem auch sei, ich werde weitere Frauen in das Komitee bitten, damit wir diverse Hilfsaktionen planen können. Eddi der Vierte bekommt in dieser schweren Zeit alle Unterstützung, die er braucht, ebenso seine Familie.“

„Ich würde mich gern betei–“

„Sie sind eine Touristin und reisen bald ab, Fräulein Liv“, ging Marianne mit ihrem perfekt einstudierten liebenswertesten Tonfall sofort dazwischen. „Die Aktionen werden über einen deutlich längeren Zeitraum laufen. Das ist zwar ein ehrenhaftes Ansinnen Ihrerseits, aber sicher nicht sinnvoll. Ich denke ohnehin, Sie haben bereits genug … getan.“

Liv sah sie so eindringlich an, dass es Marianne ein wenig mulmig zumute wurde. Die meisten anderen jungen Frauen ließen sich von ihrem Lächeln und dem freundlichen Tonfall täuschen und bemerkten ihre kleinen Seitenhiebe nicht. Liv gehörte definitiv nicht zu dieser Gruppe, was vielleicht daran lag, dass sie ein paar Jahre älter war. Keinesfalls durfte Marianne den weiblichen Eindringling unterschätzen.

„Na gut, mir bleibt ja noch Fräulein Ansgar.“ Mit einem Blick auf Livs weiße, an den Waden endende Hose und in Erinnerung an die Art von Garderobe, die sie bisher zur Schau getragen hatte, vertiefte sich Mariannes Lächeln. Ein Hauch vorfreudiger Schadenfreude wollte sich in ihr Herz stehlen. Sie vertrieb diese jedoch schnell wieder. Dafür war Eddis Lage wirklich zu ernst. „Diese Aufgabe wird sie sicher genug … fordern.“

„Sicher.“ Liv verabschiedete sich herzlich von den Binokel-Männern, warf Marianne einen weiteren prüfenden Blick zu, bedachte die schweigsame Ursula mit einem Lächeln, das seltsam mitfühlend daherkam, und stampfte mit ihren Krücken wenig grazil davon. Der erste Sieg ist schon mal errungen.

 „Komm, Ursula, wir beginnen sofort mit den Planungen.“

„Ja, natürlich“, lautete die unsichere Antwort ihrer Freundin. Nachdem sie sich wieder gesetzt hatten, kramte Marianne in ihrer Handtasche nach einem kleinen Block und einem Stift. „Mir ist das wirklich ernst, Ursi“, flüsterte Marianne der Freundin zu. „Wir werden Eddi und seiner Familie tatkräftig unter die Arme greifen.“

Sie hatte bereits einige Ideen, von denen die meisten sicher einfach umzusetzen wären. Nicht umsonst waren Veranstaltungen unter ihrer Federführung von einem herausragenden Erfolg gekrönt, sah man einmal von der Höhe der Rechnung für Elektroartikel letzte Weihnachten ab, die durchaus mit der der hiesigen Mittelgebirgsgipfel vergleichbar war. Und von der Stromrechnung für die Gemeindekasse.

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21. Dezember

Nun, da wir uns mit großen Schritten Heiligabend und damit dem Ende des Text-Adventskalenders nähern, möchte ich euch noch einige weitere Personen aus LIV-Neuanfang mit Hindernissen vorstellen.

Da ist zum einen Marianne, genannt Annie, eine junge Frau aus Vierbrücken, die ihr kleines Dorf sehr liebt.
Zum anderen gibt es da noch die Binokel-Stammtisch"brüder". Ich vermute mal, dass sich diese vier älteren Herren ganz schnell in eure Herzen schummeln werden ... Dagegen wird Marianne es schwer haben. Obwohl - sie kommt nur zickig und hochnäsig rüber, denn wenn man (sehr) tief schaut, bemerkt man, dass sie das Herz am richtigen Fleck hat.

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„Ich wünschte, das Ganze wäre glimpflicher ausgegangen. Vor allem für Eddi.“ Liv erzählte, was sie über den Zustand des Jungen erfahren hatte, und erntete betroffenes Schweigen. Von Ursula kam ein Geräusch, als ersticke sie an ihrem eigenen Atem. Marianne schloss gequält die Augen. Es gab in Vierbrücken wohl niemanden, der den kleinen Gänsebetörer nicht gernhatte.

„Ich habe mich bereit erklärt, mich um Fräulein Ansgar zu kümmern, wünschte aber, ich könnte mehr für Eddi und seine Familie tun“, sagte Liv.

Marianne hob ruckartig den Kopf. Entschlossen schob sie den Stuhl zurück, sprang auf und näherte sich dem Stammtisch. „Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken, Fräulein  … Liv. Ursula und ich haben bereits ein Komitee ins Leben gerufen, dessen Vorsitzende ich bin. Das Komitee wird Eddis Familie jede notwendige Hilfe zuteilwerden lassen.“ Marianne wusste, dass sie hochnäsig klang und ihr Blick wohl töten würde, wäre Liv nur ein klein wenig empfindsamer. Aber sie würde dieser Fremden nicht das Recht zugestehen, eine Hilfsaktion für Eddi ins Leben zu rufen, damit sie auch noch den Rest der offenbar verblendeten Vierbrückener auf ihre Seite ziehen konnte. Dann wären der Frau Tür und Tor geöffnet, das Dorf einzunehmen, es nach ihrem Willen umzukrempeln und ihre Pläne zu verwirklichen, die ganz sicher nicht von Vorteil für die Gemeinde waren.

Marianne warf Ursula einen auffordernden Blick zu. Es dauerte einen Moment, bis diese sich erhob und zu ihr gesellte, wobei sich Marianne über den verwirrten Ausdruck in Ursulas Gesicht ärgerte. Konnte sie denn nicht wenigstens so tun, als wäre dieses Hilfsangebot kein spontaner Einfall gewesen, sondern bereits mit ihr abgesprochen? Wenigstens hielt sie den Mund.

„Das ist ein wunderbarer Gedanke“, kam es von Liv, begleitet von einem so offenen Lächeln, dass es Marianne nur noch misstrauischer stimmte.

„Ja, unsere Marianne ist wirklich eine Meisterin darin, Veranstaltungen zu organisieren“, lobte Otto.

 Marianne lächelte Ursulas Großvater strahlend an.

„Seit vier Jahren organisiert sie das Stadtfest und die Weihnachtsfeierlichkeiten. Sie ist auch stellvertretende Vorsitzende des Kulturvereins, nicht wahr?“

Marianne nickte weiterhin lächelnd, wenngleich sie das Wort „stellvertretende“ noch immer ärgerte. Bei der letzten Wahl hatte es Bärbels und Bernds Mutter geschafft, den Vorsitz zu ergattern.

„Wobei letzte Weihnachten etwas übertrieben wurde“, brummte Edmund, was Marianne dazu verleitete, ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen, den er gekonnt übersah. Dahin gehend war er wie sein Sohn Ben: nervtötend gelassen.

„Das lag daran, dass Curt es versäumt hatte, mich noch vor den Planungen über den bedauernswerten Zustand der Stadtkasse zu informieren“, rechtfertigte sie sich.

„Jedenfalls war unsere Ortschaft selbst vom Mond aus zu sehen. Erleuchtet wie ein Christbaum, der Feuer gefangen hat“, setzte Julius unbarmherzig noch einen drauf.

Marianne zog einen Schmollmund. Diese alten Männer durften sich einfach zu viel erlauben. Aber sie war nun mal deutlich jünger und musste ihnen deshalb einen gewissen Respekt erweisen. Zu ihrem eigenen Erstaunen schüttelte Theodor diesmal den Kopf. Offenbar stimmte er seinem Bruder nicht zu, was das „Zuviel“ an Weihnachtsbeleuchtung betraf. Doch leider äußerte er sich nicht verbal dazu.

 

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Das 20. Türchen ist offen:.

Und wieder springen wir einige Seiten im Roman nach hinten ...

Ben hob die Augenbrauen und musterte Liv mit einer Intensität, die ihr das Blut in den Kopf steigen ließ. Und dabei war sein Blick keineswegs anzüglich, sondern einfach nur … interessiert. Als sähe er sie heute zum ersten Mal. „Sie könnten in den nächsten Tagen die Fettnäpfchen den anderen Touristen überlassen und den Vierbrückenern zeigen, wie Sie wirklich sind. Charmant, humorvoll und offen, auch denjenigen gegenüber, denen andere lieber aus dem Weg gehen. Eine wohlerzogene Dame eben.“

„Mit denjenigen, denen andere aus dem Weg gehen, meinen Sie aber nicht die Binokel-Männer oder Rita in ihrer Selbstfindungsphase oder vielleicht … Marianne und ihre Ost-Schuster-Sippe?“

„Ich hatte vielmehr Fräulein Ansgar vor Augen.“ Als wäre dies ihr Stichwort, kam die zeternde Gänsedame aus einer Gasse herbeigelaufen, stockte jedoch und bog nach rechts ab. Hinter ihr lief Ernst, einer von Eddis Freunden, der schließlich keuchend vor dem Pavillon zum Stehen kam. Seine beigefarbene Sonntagshose mit den schmalen dunklen Längsstreifen war schmutzig und zerrissen, das Hemd sah nicht besser aus. Mit weit aufgerissenen Augen, zerzaustem Haarschopf und hochrotem Gesicht, das vor Schweiß glänzte, wirkte der Junge so alarmierend, dass ihm gleich mehrere Erwachsene besorgt entgegeneilten.

„Eddi, Bärbel und Bernd sind eingeklemmt! Ganz schlimm eingeklemmt!“ Die Kinderstimme überschlug sich. In dem Augenblick, als eine Frau, wohl die Mutter von Ernst, ihn erreichte und vor ihm auf die Knie sank, begann er, herzzerreißend zu weinen, und stammelte nur noch Unverständliches vor sich hin. Schließlich war auch sein Vater bei ihm und herrschte ihn an, endlich zu sagen, was sie angestellt hätten. Sofort stand Ernst stramm und berichtete, während ihm unablässig Tränen über das Gesicht liefen: „Wir haben auf dem Polter beim Riesenwässerle gespielt. Dann sind die Stämme verrutscht. Eddi, Bärbel und Bernd sind nicht rechtzeitig weggekommen.“

Liv musste sich zusammenreimen, was der schluchzende Junge da erzählte, entnahm aber seinem Gebaren, dass die Kinder dort wohl nicht hätten spielen dürfen. Weil es gefährlich war? Und nun, da sie das Verbot missachtet hatten, war etwas Schlimmes geschehen?

Eine Frau stürmte mit weit hochgerafftem Rock herbei. Sie fiel vor dem Jungen auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht. Liv nahm an, dass es sich um die Mutter von Bernd und Bärbel handelte.

Plötzlich geschah alles gleichzeitig. Der kleine Unglücksbote erhielt von seinem Vater eine Backpfeife, die ihn seitlich wegtaumeln ließ. Seine Mutter schrie entsetzt auf. Curt rannte in die Richtung, aus der Ernst gekommen war; mehrere Männer folgten ihm. Einige Frauen, darunter auch Rita, scharten sich um die verzweifelte Mutter. Andere Besucher verließen mit ernsten Gesichtern den Festplatz. Auch der weinende Junge trottete mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern davon. Jemand murmelte: „Wie schrecklich! Und dann gleich beide Kinder der Steins. Sie haben doch schon das Baby verloren!“

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19. Dezember - 19. Türchen


Ben lächelte und öffnete das Gatter zur Weide. Die drei Kaltblüter galoppierten zügig hinaus und schlugen dabei übermütig aus, warfen die Köpfe und buckelten. „Du bist der härteste Verhandlungspartner, den ich kenne.“

„Ach, ich werde allmählich milder.“

„Weil du es dir leisten kannst?“

„Richtig. Die Reitpension läuft gut, die Zucht hat sich etabliert und Toms Hotels sind erfolgreich. Was leider bedeutet, dass er viel unterwegs ist. Er spielt mit dem Gedanken, sich ein Flugzeug anzuschaffen.“

„Und du würdest es noch vor ihm fliegen.“

„Darauf kannst du dich verlassen!“ Amrei stieß ihn leicht mit der Schulter an. „Ich muss los. Alles in Ordnung mit meinen drei Kleinen?“

„Wie es zu erwarten war.“

„Na, dann kannst du dich ja jetzt auf Rechnung des Hirschen um das blaue Fohlen kümmern. Und zusehen, dass es nicht rot wird.“

Aufgebracht schaute Ben Amrei nach, wie sie mit großen Schritten davonging, über den Zaun sprang und eine dunkelbraune Araberstute losband. Wie es aussah, hatte sie die neue Touristenattraktion des Hirschen nicht mit ihrem aus Kriegszeiten stammenden umgebauten Armeelastwagen hergebracht.

Fröhliche Kinderstimmen lenkten Bens Aufmerksamkeit auf das blaue Fohlen. Liv saß nun auf der Liege, neben ihr hatten sich Bärbel und Bernd Stein, die Kinder eines Bauernehepaars aus der Gegend, niedergelassen, während Eddi der Vierte über die Wiese stolzierte und dabei wild die Arme schwang. Ben konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Vermutlich erzählte der Junge gerade von Fräulein Ansgars neuester Jagd auf ihren Ortsvorsteher.

Er legte die Arme auf den obersten Querbalken des neuen Koppelzauns und beobachtete das ungleiche Quartett. Ihm gefiel, was er da sah. Die Touristin gab sich doch tatsächlich mit den Kindern aus Vierbrücken ab. Wobei das auch daran liegen könnte, dass sie aufgrund ihrer Verletzung wortwörtlich festsaß. Jedenfalls sah es ganz so aus, als hätten sie und die Kleinen viel Spaß.

 Einige Zeit später erwischte sich Ben dabei, dass er die Fremde noch immer beobachtete. Wie lange stand er jetzt schon hier und schaute ihr zu, obwohl sie wenig mehr tat, als gestenreich zu sprechen, aufmerksam zuzuhören und fröhlich zu lachen? Für gewöhnlich fand er Tiere deutlich interessanter als die hier ständig an- und abreisenden Touristinnen. Und zudem war seit geraumer Zeit eine von Amreis Jungstuten damit beschäftigt, an seinem Hemdsärmel herumzuknabbern.

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Das 18. Türchen ist offen


Wir springen im Text ein paar Seiten, und dort werden all jene, die meine älteren Bücher kennen, eine Romanfigur treffen, die euch bekannt sein müsste. Sie ist vielen Leserinnen sehr ans Herz gewachsen, ein guter Grund, wie ich finde, um einmal einige Jahre später einen kleinen Teil ihres Lebensweges zu beleuchten.


Kapitel 3

Während Ben so tat, als untersuche er sorgfältig Amreis Jungpferde, die, wie nicht anders zu erwarten, vollkommen gesunde, kräftige und dazu wunderschöne Schwarzwälder waren, blickte er immer wieder zur Wiese hinüber. Diese Fremde mit dem seltsamen Namen hatte es nicht lange in ihrem rustikalen Hotelzimmer ausgehalten, und nun hantierte sie mit einer Sonnenliege, einem Gästehandtuch, einem Buch, einer ständig rutschenden Sonnenbrille und ihren Krücken herum. Sie wirkte unbeholfen und in ihrem modischen hellblauen Ensemble vor dem traditionellen Holzhaus mit dem Reetdach ziemlich fehl am Platz. Zwar reisten die Touristen gern in ihren mondänen Garderoben an, verwandelten sich aber oft schon nach kürzester Zeit in typische Urlauber. Dabei sahen viele von ihnen recht albern aus, was daran lag, dass sie sich allerhand Tand andrehen ließen, von dem sie meinten, dass dieser hier üblicherweise getragen wurde. Die Krönung war eine ältere Dame gewesen, die im vorletzten Jahr tatsächlich mit einem Bollenhut – mit roten Bollen, die den unverheirateten Mädchen zustanden – angereist war.

Natürlich warb die gesamte Schwarzwaldregion mit jener auffälligen Tracht, aber offenbar wussten die meisten Touristen nichts über die regionalen Unterschiede, was derlei Kleidung anbelangte – und dass sie heute so gut wie gar nicht mehr getragen wurde. Vor allem nicht an einem ganz gewöhnlichen Wochentag.

Diese Liv hingegen hatte weder einen der bequemen Röcke aus der Hotelboutique erstanden noch eine der dort angepriesenen Wanderhosen. Sie trug auch keinen Badeanzug, aber dafür war es auch noch ein wenig zu kühl. Offenbar hatte sie nicht an zweckmäßige Freizeitkleidung gedacht, als sie ihren Rucksack gepackt hatte, denn sie lag nun in diesem doppellagigen Kleid auf der Sonnenliege, wenngleich sie zumindest ihre feinen, sicher teuren Schuhe abgestreift hatte – was aber auch ihrem schmerzenden Knöchel geschuldet sein könnte.

„Ich schätze, die Hirschen-Alma bezahlt dich dafür, dass du dir ihre Schwarzwälder Fohlen anschaust, nicht die himmelblaue Erscheinung dort drüben.“ Amreis Stimme riss Ben aus seinen Überlegungen. Schnell beugte er sich hinunter und hob den Huf der Stute an, obwohl er sich diesen gerade schon angesehen hatte. Aber er musste dringend seinen heißen Kopf verstecken. Amrei war meist sehr direkt, und ihrem beißenden Spott wollte er sich lieber nicht aussetzen.

„Dem blauen Fohlen würden ein paar nahrhafte Mahlzeiten nicht schaden“, überlegte Amrei laut weiter. „Und jemand, der ihr sagt, dass die Frühlingssonne hier ziemlich stark herunterbrennen kann.“

„Tu dir keinen Zwang an, Amrei.“

„Ach, das sollte der Touristin doch besser ein studierter Mediziner mitteilen.“

„Sie weiß bereits, dass ich Veterinär bin.“

„Wie schade!“ Amrei lachte. Ben grinste sie von unten herauf an und richtete sich auf. Prüfend fuhr er mit der Hand über das Fell der entspannt dastehenden Stute. Ebenso gelassen hatte Liv auf die Tatsache reagiert, von einem Tierarzt behandelt zu werden. Offenbar hatte sie an der Verwechslung sogar Spaß gefunden. Die junge Frau besaß Humor und einen scharfen Verstand, das hatte Ben schnell bemerkt. Entsprechend schade fand er es, dass ihre heutige Begegnung wohl die erste und letzte gewesen war, da die Touristen gern für sich blieben.

Die Dorfbewohner waren für die Fremden nicht weiter interessant, solange sie die in den Urlaubskatalogen versprochenen Dienstleistungen ablieferten. Da das blaue Fohlen, wie die Pferde-Amrei Liv titulierte, ohne einen Schoßhund oder eine Katze angereist war, würde sich wohl kaum ein weiteres Treffen zwischen ihnen beiden ergeben.

„Hervorragende Stuten hast du da wieder, Amrei. Ich hoffe, die Hirschen-Alma hat dich entsprechend gut bezahlt.“

„Du kennst mich doch.“

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Amreis Geschichte könnt ihr in GOLDSOMMER nachlesen. Allerdings gibt es das Buch derzeit nur als EBook.

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